Gesundheit

Ein Medizinethiker über die Frage: Soll ich Organspender werden – oder nicht?

Ein „Ja“ oder ein „Nein“ zur Organspende setzt voraus, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen. Mehr als jeder dritte Bürger in Deutschland hat das getan und besitzt einen Organspendeausweis. Die meisten Menschen – 72 Prozent –  nutzen den Ausweis, um einer Organ- und Gewebespende bei Eintreten des Hirntodes einzuwilligen. Etwa 14 Prozent verwenden den Ausweis, um einer Organspende zu widersprechen. Neun Prozent übertragen die Entscheidung auf eine andere Person. 

Die Zahlen zeigen aber auch: Rund zwei Drittel der Deutschen besitzen keinen Organspendeausweis. Im Falle eines Hirntods – etwa nach einem Unfall – kommt in diesen Fällen unweigerlich die Frage nach dem Wunsch des Patienten oder der Patientin auf: Hatte er oder sie Andeutungen gegenüber Angehörigen gemacht? Wollte er oder sie grundsätzlich Organe spenden? Wenn ja, welche? Diese Fragen können für Angehörige sehr nervenaufreibend sein, auch weil sie oft nicht ohne Zweifel beantwortet werden können. Diese Unsicherheit lässt sich durch eine Entscheidung zu Lebzeiten verhindern. 

Prof. Dr. med. Giovanni Maio ist Medizinethiker und Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg. Er ist Autor des Buches „Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit“.

Der stern sprach mit dem Medizinethiker Professor Giovanni Maio über den oft schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung. Maio ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg und spricht sich für eine „wohlüberlegte Entscheidung des Einzelnen“ aus. 

Wie kann das gelingen? Maio nannte im Gespräch Denkanstöße für die persönliche Entscheidungsfindung. Sie sind hier zusammengefasst: 

Sinnstiftende Spende

Menschen, die ihre Organe spenden, schenken anderen Menschen Lebenszeit und Lebensqualität. Nierenkranke Menschen können durch eine gespendete Niere zum Beispiel von der Dialyse befreit werden. Es gibt Menschen, die das als sinnstiftend empfinden und sich für eine Organspende entscheiden.

Persönlicher Wunsch

Es ist ein persönlicher Wunsch, seine Organe nach dem Hirntod zu spenden. Es ist ein persönlicher Wunsch, seine Organe nach dem Hirntod nicht zu spenden. Beide Wünsche sollten respektiert werden. Es gibt kein richtig und kein falsch.

Die Spende als Geschenk

Das Wesen der Organspende leitet sich aus dem Namen ab: Sie ist eine Spende, ein Geschenk. Jeder Mensch darf frei wählen, ob er dieses Geschenk schenken möchte. Niemand darf zu diesem Geschenk gezwungen werden.

Gespräche führen

Es ist vernünftig, mit den engsten Angehörigen über die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu sprechen. Im Falle des Hirntods sind die Angehörigen unweigerlich mit dieser Entscheidung konfrontiert. Seine Wünsche vorab klar zu kommunizieren, beugt Zweifeln vor. Gleichwohl ist es wichtig, dass die Angehörigen keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess nehmen. Es handelt sich um eine persönliche Entscheidung, die jeder/jede für sich selbst treffen sollte. Im Zentrum steht die Frage: Wie soll mit meinem Körper und meinen Organen im Fall meines Hirntods umgegangen werden?

Hirntod versus Tod

Eine Organentnahme wird nur bei hirntoten Menschen vorgenommen. Ein Hirntod ist unumkehrbar. Dennoch ist ein hirntoter Mensch keine Leiche. Ein hirntoter Mensch ist vielmehr in einem irreversiblen Zustand des nicht mehr Rettbaren. Daraus lassen sich zahlreiche Fragen ableiten: Möchte ich in diesem Zustand weiter beatmet werden, damit die Ärzte die Organentnahme vorbereiten können? Wie soll meine Familie von mir Abschied nehmen? Wie möchte ich, dass man in der letzten Phase mit mir umgeht?

Offene Fragen

Vielen Menschen fällt es schwer, sich mit Fragen, die im Zusammenhang mit dem eigenen Sterben stehen, zu beschäftigen. Sie können oder wollen sich diesen Fragen nicht stellen. Auch das muss respektiert werden. Vor diesem Hintergrund ist auch die Widerspruchslösung kritisch zu sehen, da ein Schweigen zu diesen Fragen als ein Ja zur Organspende interpretiert wird und man somit gezwungen wird, etwas zu tun, wenn man nicht möchte, dass über den eigenen Körper verfügt wird.

Frei von Druck

Dass Organspenden kranken Menschen helfen, ist unbestritten. Dennoch darf daraus kein Druck für den Einzelnen entstehen. Niemand hat rechtlich noch moralisch Anspruch auf den Körper einer anderen Person. Eine Debatte über das Für und Wider der Organspende muss interessensfrei und offen geführt werden. Sie sollte vor allem einem Zweck dienen: einer guten und wohlüberlegten Entscheidung des Einzelnen.

Der stern hat zum Thema Organspende eine eigene Serie herausgebracht. Im aktuellen Heft lesen Sie: „Die Reise eines Herzens: Was passiert, wenn ein Mensch stirbt und seine Organe gibt, um andere zu retten?“



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