Kinder Gesundheit

Schwangerschaft aus dem Gefrierschrank

Der richtige Partner, der richtige Job, der richtige Zeitpunkt: Wenn das Kind kommen soll, muss alles passen. Das ist für viele Frauen eine Herausforderung. Deswegen entscheiden sich einige dazu, ihre Eizellen einfrieren zu lassen um sie dann wieder aufzutauen, wenn die Zeit richtig scheint.

In Deutschland nutzen bisher vergleichsweise wenige Frauen die Möglichkeit des Social Freezings, auch weil sie mit erheblichen Kosten verbunden ist. Einige Ärzte setzen sich aber dafür ein, dass künftig die Krankenkasse die Entnahme und das Einfrieren der Zellen bezahlt. Andere sprechen sich klar dagegen aus.

Beim Social Freezing, das Mediziner als Kryokonservierung bezeichnen, lassen sich Frauen im gebärfähigen Alter Eizellen während einer leichten Narkose entnehmen. Diese werden extrem schnell schockgefrostet. Das verhindert, dass sich Eiskristalle bilden, die die Eizelle verletzen könnten. Laut Schätzungen geht beim Einfrieren etwa ein Zehntel der Eizellen verloren. Die übrigen sind bei Temperaturen um minus 200 Grad Celsius auf unbestimmte Zeit konserviert.

Bisher nutzen deutsche Frauen selten Social Freezing

Will eine Frau schwanger werden und klappt es nicht auf dem natürlichen Weg, werden die Zellen aufgetaut, künstlich befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt. Die Chancen, schwanger zu werden, sind laut dem Münchener Reproduktionsmediziner Jörg Puchta ähnlich wie bei einer normalen künstlichen Befruchtung. Allerdings sei dies auch vom Alter der Eizellen, der Zeugungsfähigkeit des Partners und der Qualität der Behandlung abhängig.

„Bei einer 30-jährigen Frau würde ich von einer Schwangerschaftsrate von 50 Prozent pro Versuch ausgehen. Wenn die Eizellen älter sind, reduziert sich dies entsprechend“, sagt der Mediziner.

Während die Methode in den USA schon recht verbreitet ist, sind die Menschen in Deutschland eher zurückhaltend. Bisher gibt es keine umfassende Statistik. Puchta schätzt jedoch, dass die Zahl der Frauen, die Eizellen einfrieren lassen, bundesweit unter 10.000 pro Jahr liegt. Der Mediziner beobachtet jedoch eine steigende Tendenz. Sein Münchner Zentrum führt zurzeit etwa 500 Entnahmen pro Jahr durch – 2007 sei man mit rund 20 im Jahr gestartet, berichtet Puchta.

Meinungen zum Social Freezing: „Was gehen meinen Arbeitgeber meine Eizellen an?“

Hohe Kosten

Allein für die Vorbehandlung, Entnahme und Lagerung veranschlagen Ärzte Kosten von 3000 bis 4000 Euro. Viele Mediziner arbeiten mit speziellen Instituten zusammen, sogenannten Kryobanken, die die gefrorenen Eizellen einlagern.

Einige Mediziner, darunter Puchta, setzen sich dafür ein, dass Krankenkassen künftig die Leistung übernehmen. In den USA zahlen Großkonzerne wie Apple oder Facebook für die Behandlung. Diese Lösung sieht Puchta aber kritisch. „Dass die Unternehmen das bezahlen, ist nicht die optimale Variante. Das hat einen Beigeschmack von Einmischung oder Erwartungshaltung“, sagt er.

Der Medizinethiker Maximilian Schochow von der Universität Ulm sieht das Einfrieren nicht als Kassenleistung: Gemeinsam mit Co-Autoren der Universität Halle schreibt er in der Fachzeitschrift „Science and Engineering Ethics“, Social Freezing sei keine medizinische Notwendigkeit, sondern diene der Erfüllung eines individuellen Wunsches. Deshalb solle jeder die Kosten dafür selbst tragen müssen.

Mögliche Risiken und Komplikationen

Hinzu kommt, dass die Methode mit Risiken verbunden ist. Vor dem Eingriff sorgt eine Hormontherapie dafür, dass besonders viele Oozyten heranreifen. Zu den möglichen Nebenwirkung zählt ein sogenanntes Überstimulationssydnrom – infolge dessen vergrößern sich die Eierstöcke und es sammelt sich Flüssigkeit im Bauchraum. Betroffene leiden unter Schmerzen, Übelkeit und Kurzatmigkeit. In seltenen Fällen kann es auch zu einem lebensgefährlichen Gefäßverschluss kommen.

Auch die Entnahme der Eizellen birgt das Risiko für Komplikationen. Der Eingriff erfolgt durch die Vagina, dabei kann das umliegende Gewebe verletzt werden und es können Blutungen auftreten.

Die wenigsten eingefrorenen Eizellen werden genutzt

Ob sich Aufwand, Risiken und Kosten letzten Endes lohnen, ist schwer abzuschätzen. Die Methode ist noch zu jung, um ein aussagekräftiges Fazit zu ziehen. Es zeichnet sich allerdings ab: Die wenigsten eingefrorenen Eizellen kommen derzeit zum Einsatz.

Eine Auswertung von Daten des Zentrums für Reproduktionsmedizin in Brüssel, die im vergangenen Jahr auf einer Konferenz der European Society of Human Reproduction and Embryology vorgestellt wurde, zeigt: Nur knapp acht Prozent der Kundinnen wollten letztlich die Eier auftauen und sich für eine Schwangerschaft einsetzen lassen.

„Es sind überwiegend nicht die Karriereristinnen, die kommen. Die meisten haben ein Problem damit, den richtigen Partner zu finden“, erzählt der Hamburger Gynäkologe Frank Nawroth über seine Patientinnen. Viele lernen nach dem Einfrieren ihrer Eier allerdings wohl doch noch den „Richtigen“ kennen und werden auf natürliche Weise schwanger.

Die Zukunft des Kinderkiegens?

Die meisten Frauen sind Medizinern zufolge Mitte bis Ende 30, wenn sie sich zum ersten Mal beraten lassen. Schochow und seine Kollegen warnen davor, Social Freezing als „Fruchtbarkeits-Versicherung“ zu verstehen. Denn: Je älter die Frau bei der Entnahme ist, desto schlechter ist die Qualität der Eizellen und desto niedriger sind die Chancen auf eine Schwangerschaft.

Puchta sieht in der Behandlung Chance und Risiko zugleich: „Es bringt mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit, aber am Ende auch mehr Last. Es bedeutet das Verschieben von etwas, das wir von unserer Biologie her eigentlich in jungen Jahren machen sollten.“

Generell ist die Meinung der deutschen Gynäkologen der Behandlung gegenüber zurückhaltend. Eine Befragung von Medizinethiker Schochow und seinen Kollegen zeigt: Die Mehrheit der befragten deutschen Gynäkologen sieht Social Freezing nicht als Zukunft des Kinderkriegens, sondern empfiehlt klar die natürliche Fortpflanzung.

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