Gesundheit

Alzheimer-Demenz: Vier neue Subtypen klassifiziert – jeweils mit unterschiedlichem Krankheitsverlauf – Heilpraxis

Alzheimer vier verschiedene Unterarten klassifiziert

Die Alzheimer-Krankheit ist durch die abnorme Ansammlung und Ausbreitung des Tau-Proteins im Gehirn gekennzeichnet. Ein internationales Forschungsteam zeigte nun, dass sich diese Proteine nach vier verschiedenen Mustern ausbreiten. Jedes Muster sei mit unterschiedlichen Symptomen und Prognosen verknüpft.

Eine internationale Arbeitsgruppe klassifizierte vier Subtypen der Alzheimer-Krankheit. Den Ergebnissen zufolge weist jede Unterart ein eigenes Verbreitungsmuster der Tau-Proteine auf und ist mit einem eigenen Krankheitsbild verbunden. Die Klassifizierung der Unterarten könnte weitreichende Folgen auf das Verständnis und die Behandlung der Erkrankung haben. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Nature Medicine“ vorgestellt.

Vier Verbreitungsmuster von Tau-Proteinen

„Im Gegensatz zu unserer bisherigen Interpretation der Ausbreitung von Tau im Gehirn deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Tau-Pathologie im Gehirn nach mindestens vier verschiedenen Mustern variiert“, erläutert Studienhauptautor Jacob Vogel von der McGill University (Kanada). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Alzheimer noch heterogener ist, als bislang angenommen. Eine typische Alzheimer-Krankheit gäbe es demnach nicht. Vogel zufolge ist es Zeit, die „Alzheimer-Krankheit neu zu bewerten“.

Alle über einen Kamm geschert

In den letzten dreißig Jahren haben viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Entwicklung der Tau-Pathologie bei Alzheimer mit einem einzigen Modell beschrieben, obwohl es immer wieder Fälle gab, die nicht in dieses Modell passten. Die aktuellen Ergebnisse erklären nun, warum verschiedene Alzheimer-Betroffene unterschiedliche Symptome entwickeln können.

Alzheimer-Entwicklung verfolgt

Die Ausbreitung von Tau-Proteinen in der Großhirnrinde ist ein wichtiger Marker für Alzheimer. In den letzten Jahren ist es dank fortschrittlichen Bildgebungsverfahren möglich geworden, die Anhäufung des toxischen Proteins im Gehirn von Alzheimer-Betroffenen zu überwachen. „Weil bei den vier Subtypen der Alzheimer-Krankheit verschiedene Hirnregionen unterschiedlich betroffen sind, entwickeln die Patienten unterschiedliche Symptome und auch Prognosen“, erklärt Studienleiter Oskar Hansson, Professor für Neurologie an der Lund Universität (Schweden).

Erfordert jede Unterart eine eigene Behandlung?

Dieses Wissen ist Hansson zufolge wichtig zur Diagnose der Alzheimer-Krankheit und wirft gleichzeitig die Frage auf, ob die vier Subtypen unterschiedlich auf Behandlungen ansprechen. Im Moment werde sehr aktiv an verschiedenen Medikamenten geforscht, die die Tau-Menge im Gehirn reduzieren und „es wird spannend sein zu sehen, ob sie je nach Subtyp von Alzheimer unterschiedlich wirksam sind“, so der Studienleiter.

Bislang größte Studie dieser Art

Im Rahmen der Studie wurde die bislang größte und vielfältigste Kohorte auf Tau-Proteine mittels PET-Technologie untersucht. Dabei wurden Langzeitdaten von 1.143 Teilnehmenden ausgewertet, die das gesamte Krankheitsbild von Alzheimer abdeckten – von keinen Symptomen, über leichte Gedächtnisstörungen, bis hin zu voll entwickelter Alzheimer-Demenz.

Durch Algorithmen und maschinellem Lernen konnten die Verbreitungsmuster in den Daten identifiziert werden. Durch Nachuntersuchungen und Validierung an weiteren Kohorten kristallisierten sich schließlich vier Untergruppen heraus. „Wir haben vier klare Muster der Tau-Pathologie identifiziert, die sich im Laufe der Zeit unterscheiden“, berichtet Hansson. Die Prävalenz der einzelnen Unterarten schwanke zwischen 18 und 30 Prozent. „Das bedeutet, dass alle diese Varianten von Alzheimer tatsächlich recht häufig sind und keine einzelne dominiert, wie wir vorher dachten“, betont der Professor.

So unterscheiden sich die Alzheimer-Subtypen

Laut der Studie unterscheiden sich die Unterarten von Alzheimer folgendermaßen:

  • Variante eins: Die Tau-Proteine breiten sich hauptsächlich im Schläfenlappen des Gehirns aus und beeinträchtigt vor allem das Gedächtnis. Diese Variante trat in 33 Prozent aller Fälle auf.
  • Variante zwei: Im Gegensatz zu Variante eins breitet sich diese Variante vorwiegend in der Großhirnrinde aus. Betroffene haben weniger Gedächtnisprobleme als bei der ersten Variante, dafür aber größere Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen, also der Fähigkeit, eine Handlung zu planen und auszuführen. Variante zwei trat in 18 Prozent der untersuchten Fälle auf.
  • Variante drei: Die Anhäufung von Tau findet bei dieser Variante im visuellen Kortex statt, also in dem Teil des Großhirns, in dem die Informationen des Sehnervs verarbeitet und klassifiziert werden. Bei Personen mit diesem Muster ist die visuell-räumliche Verarbeitung von Sinneseindrücken im Gehirn beeinträchtigt. Sie haben Schwierigkeiten, sich zu orientieren oder Formen und Konturen, Entfernungen, Bewegungen und die Lage von Objekten im Verhältnis zu anderen Objekten zu unterscheiden. Diese Variante trat in 30 Prozent der Fälle auf.
  • Variante vier: Das Tau breitet sich asymmetrisch in der linken Hemisphäre aus und beeinträchtigt vor allem die Sprachfähigkeit des Betroffenen. Variante vier trat in 19 Prozent der untersuchten Fälle auf.

Individuellere Behandlung bei Alzheimer

„Die vielfältigen und großen Datenbanken der Tau-PET, die heute existieren, zusammen mit neu entwickelten Methoden des maschinellen Lernens, die auf große Datenmengen angewendet werden können, haben es uns ermöglicht, diese vier Subtypen von Alzheimer zu entdecken und zu charakterisieren“, resümiert Professor Hansson. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden sich diese Muster noch genauer bestätigen, schätzt der Studienleiter. Die Forschenden hoffen, dass dieses neue Wissen den Alzheimer-Betroffenen in Zukunft individuelle Behandlungsmethoden ermöglichen kann. (vb)

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