Gesundheit

Botschaft statt Bremse? Warum viele Wissenschaftler von Corona-Beschlüssen enttäuscht sind

Den Oster-Lockdown verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nacht zum Dienstag nach stundenlangen Beratungen mit den Ministerpräsidenten. Die geltenden Maßnahmen wurden noch einmal verschärft, doch nach Meinung zahlreicher Wissenschaftler nicht genug. Sie kritisieren auch, dass die Politik sich immer weiter von den Experten entferne.

"Ich fürchte, dass so ein kurzer Shutdown, der auch noch unterbrochen wird am Samstag, nicht den Effekt haben wird, den sich vielleicht viele vorstellen oder wünschen", sagte Virologin Sandra Ciesek am Dienstag.

Fünf Tage umfassten nicht einmal die Inkubationszeit des Virus. Wenn sich alle daran halten würden, könnten Infektionsketten vielleicht unterbrochen werden, "aber ich halte das für zu kurz um einen starken Effekt dadurch sehen zu können". Australien, wo ein solcher Kurz-Shutdown gut funktioniert habe, könne man nicht als Argument anführen: Dort habe man zum Startzeitpunkt sehr viel weniger Infektionen gehabt, die man zudem alle habe nachverfolgen können.

Mit ihrer Meinung steht die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, die sich wöchentlich mit ihrem Kollegen Christian Drosten aus Berlin im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" abwechselt, nicht allein – im Gegenteil.

"Signalwirkung" statt Pandemie-Bremse: Physiker glaubt an andere Botschaft des Oster-Lockdowns

"Aus meiner Sicht geht es da vor allem um eine Signalwirkung", sagt auch Kai Nagel. Der theoretische Physiker von der Universität Berlin, der die Bundesregierung seit 2020 als Experte berät, glaubt laut "Spiegel" an einen anderen Sinn des Oster-Lockdowns, der eigentlich nicht so viel ändert. "Die Politik will deutlich machen, dass Lockerungen über Ostern nicht drin sind."

Außer der Schließung der Lebensmittelgeschäfte von 1. bis 5. April und der geplanten Deklarierung von Gründonnerstag und Karsamstag zu Ruhetagen ändert sich kaum etwas in den nächsten Wochen. Für einige Menschen in Deutschland, für die nach den bisherigen Regelungen deshalb nur noch Treffen eines Haushalts mit einer weiteren Person stattfinden dürfte, könnten aus den Verschärfungen sogar Lockerungen werden.

Surftipp:Hier finden Sie die aktuellen Beschlüsse nach der Bund-Länder-Konferenz im Überblick 

Für manche könnten neue Regeln Lockerung statt Verschärfung bedeuten

"Aus dem Papier geht nicht klar hervor, dass ab einer Inzidenz über 100 dann auch an Ostern die strengeren Regeln gelten", gibt Nagel zu bedenken. Die endgültige Entscheidung über die Details der Umsetzung treffen aber ohnehin die Bundesländer und deren Kommunen.

Einen "großen Effekt" erwartet Nagel von den Maßnahmen schon. Er hat mit seinem Team berechnet, dass die über die Ostertage weiterhin geltenden Kontakteinschränkungen die Infektionszahlen gegenüber einer völligen Öffnung ungefähr halbieren werden. Doch sorgt das für einen nachhaltigen Rückgang der Ansteckungen?

Nagel verneint das und auch Bund und Länder scheinen das zu ahnen. Die aktuelle Entwicklung zeige "nach deutlich sichtbaren Erfolgen bei der Eindämmung des Infektionsgeschehens im Januar und Februar" ein starkes Infektionsgeschehen und eine exponentielle Dynamik, heißt es im Beschlusspapier. Doch die Konsequenzen, die die Politik aus dieser Annahme zieht, sind der Wissenschaft zu lasch.

Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online 

Meyer-Hermann: Politik hört nicht mehr auf die Wissenschaftler

"Nein, das ist genau der Punkt", sagte beispielsweise Michael Meyer-Hermann, System-Immunologe vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung am Montag in den "Tagesthemen" auf die Frage, ob er noch den Eindruck habe, dass die Politik auf die Wissenschaft höre. Der aktuelle Beschluss war da noch Stunden entfernt.

Seit Januar sei sich die Wissenschaft einig, dass eine dritte Pandemie-Welle anrollen würde, doch das habe sich nicht in den Maßnahmen widergespiegelt. "Man hätte auch so agieren können, dass man sie gleich von vornherein verhindert", moniert Meyer-Hermann. "Dadurch, dass man das nicht getan hat, werden die Maßnahmen, die jetzt notwendig sind, immer schlimmer und auch immer teurer, weil sie länger durchgehalten werden müssen."

Virologin Ciesek über Corona-Beschluss: "Das frustriert mich als Wissenschaftlerin und als Privatperson"

Ciesek pflichtet Meyer-Hermann bei. "Ich muss sagen, dass es mich schon frustriert, weil eigentlich genau bekannt ist, was man tun muss", moniert die Frankfurter Virologin im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update". Sie habe das Gefühl, "dass dieser Mittelweg, dieses es allen recht machen wollen, dass es genau das ist, was viele frustriert. Das frustriert mich als Wissenschaftlerin, aber auch als Privatperson."

Doch warum dann der Oster-Lockdown? Physiker Nagel hat eine Theorie. "Hinter der Maßnahme steckt schlicht die Botschaft, dass die Menschen bitte zu Hause bleiben sollen", sagt er dem "Spiegel". Doch die Regeln senden aus seiner Sicht nicht das richtige Signal. dpa/Kay Nietfeld/dpabild Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Uniklinikum Frankfurt.

"Die derzeitigen Regeln, und auch diejenigen vom Januar, sind/waren zu schwach, weil die Bevölkerung daraus mitnimmt, dass die noch erlaubten Kontakte epidemiologisch unbedenklich sind", resümierte er einige Tage vor dem Gipfel in einer Auswertung. Das sehen auch andere Experten so.

Meyer-Hermann fordert "klare Bremse" – Stunden später passiert genau das nicht

Fachleute um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt zogen nach der Auswertung einer regelmäßigen repräsentativen Umfrage Anfang März ein ähnliches Fazit. "Trotz der Wahrnehmung, dass die Fallzahlen tendenziell stagnieren oder steigen, wird individuelles freiwilliges Schutzverhalten nicht verstärkt", schrieben sie.

Meyer-Hermann zieht aus den Beschlüssen sein ganz eigenes Fazit. Immer zu warten, ob die Prognosen von Experten eintreten würde, sei kein guter Ratgeber, "weil es sowohl psychologisch als auch sozial, als auch wirtschaftlich, als auch gesundheitlich mehr Kosten verursacht in der Gesellschaft."

Man müsse jetzt "eine klare Bremse ziehen, die man vor zwei Wochen nicht gezogen hat", forderte er da noch, betonte aber auch, dass die Lockerungen "nicht Schuld an der jetzigen Entwicklung" sei, aber diese beschleunigt habe. Einige Stunden später dürfte er enttäuscht gewesen sein, dass seine Forderungen zum wiederholten Male verhallten.

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