Gesundheit

Kinder haben diesen Sommer auffallend oft Infekte – ein Arzt spricht über die Gründe

Herr Maske, Eltern berichten, dass ihre Kinder in diesem Sommer auffallend oft krank sind – mit Husten, Schnupfen, teils Fieber. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) meldet mehr Atemwegsinfekte im Vergleich zu den Vorjahren. Wie sieht es aktuell in Ihrem Wartezimmer aus?

Wir sehen im Moment eine milde Zunahme der Infekte, vor allem bei Kindergartenkindern ab etwa eineinhalb Jahren. Bei den Schulkindern ist das eher weniger der Fall, aber wir haben in Berlin aktuell auch Sommerferien. Die Kinder haben meist klassische, milde Erkältungssymptome, nichts Dramatisches: Husten, Schnupfen, selten mal auch Fieber oder Kopf- beziehungsweise Halsschmerzen. Also diese klassischen, bekannten Atemwegsinfektionen.

Experte im Interview

Jakob Maske arbeitet als Kinder- und Jugendarzt in Berlin Schöneberg. Er ist zudem Bundespressesprecher beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ). 

Solche Infekte würde man eher im Winter verorten. Wir haben Juli. Überrascht Sie das?

Verglichen mit einem normalen Juli sind es schon mehr Infekte, als ich erwarten würde, aber auch nicht ausgesprochen viele. In einem normalen Winter haben wir mehr. Ich würde auch sagen, dass diese Entwicklung nicht allzu überraschend ist. Durch den Lockdown konnten sich all diese Erreger in den zurückliegenden Monaten weniger gut verbreiten. Jetzt, wo auch die Schulen und Kitas wieder offen sind, können sie besser zirkulieren.

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Die Lockerungen sind auch eine Chance für das Coronavirus. Wie unterscheiden Sie in der Praxis zwischen harmlosem Infekt und Corona-Infektion?

Wir untersuchen nicht, welcher Erreger im Einzelfall vorliegt, sondern versuchen stattdessen eine Corona-Infektion auszuschließen. Das geht beispielsweise mit Schnelltests, für die wir einen Abstrich im vorderen Nasenbereich nehmen.

Sicher nicht ganz einfach bei kleinen Kindern.

Klar, einige finden das natürlich nicht schön. Aber wir erklären den Kindern vorab, dass es ähnlich wie Popeln ist, und mit so einer positiveren Einstellung akzeptieren die meisten Kinder den Abstrich auch sehr gut. Liegt ein konkreter Corona-Verdacht vor – zum Beispiel nach einer Infektion im näheren Umfeld – nehmen wir einen Abstrich für einen PCR-Test. Der ist noch einmal sensibler als ein Schnelltest. Der PCR-Test kommt auch zum Einsatz, wenn im näheren Umfeld des Kindes Menschen sind, die besonders vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt werden müssen – zum Beispiel Ältere oder chronisch Kranke, die noch nicht geimpft sind oder die sich nicht impfen lassen können.

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Gibt es zusätzlich Symptome, bei denen Sie hellhörig werden?

Allein anhand der Symptome lässt sich nicht zwischen einer Corona-Infektion und einem harmlosen Atemwegsinfekt unterscheiden. Das liegt auch daran, dass die meisten Kinder mit einer Corona-Infektion keine oder kaum Symptome zeigen. Aber es gibt einige Beschwerden, bei denen wir sehr genau vorgehen und lieber noch einmal einen Abstrich für einen PCR-Test nehmen: bei Kindern mit Halsschmerzen beispielsweise, deren Hals aber nicht besonders gerötet ist. Oder aber bei Kindern, die über Kopfschmerzen klagen, die sie in der Form noch nie hatten.

Atemwegsinfekte bei Kindern: Was sagt das RKI?

Das Robert Koch-Institut (RKI) wertet nicht nur Daten zum Coronavirus aus, sondern auch zu weiteren Atemwegsinfektionen in der Bevölkerung. Dabei zeigte sich, dass die Rate der akuten Atemwegsinfekte (ARE) unter Kindern (0 bis 14 Jahre) während des Lockdowns unter den Werten der Vorjahre lag und in den vergangenen Wochen anzog. In der 26. Kalenderwoche lag die Rate schließlich „deutlich“ über der Rate der Vorjahre. Das übliche Niveau der Wintermonate wird aber nicht erreicht.

„Die ARE-Werte befinden sich insgesamt nun auf einem für diese Jahreszeit etwas erhöhten Niveau“, schreibt das RKI. „Das aktuelle Kontaktverhalten der Bevölkerung scheint die Übertragung von typischen Erregern von Erkältungskrankheiten nicht mehr gut zu verhindern.“

Die Gesamt-ARE-Rate lag zuletzt bei schätzungsweise 3,6 Prozent oder, auf 100.000 Einwohner bezogen, bei 3.600 Fällen. In der Altersgruppe 0 bis vier Jahre kletterte der Wert auf rund 15 Prozent. In der Altersgruppe zirkulieren überwiegend Rhinoviren und Parainfluenzaviren, wie Auswertungen von eingesandten Proben zeigen. Rhinoviren gelten als typische Auslöser von Erkältungskrankheiten. Auch Parainfluenzavirus-Infektionen betreffen nahezu ausschließlich die Atemwege. 

Stellen Sie eine größere Verunsicherung bei Eltern fest?

Tatsächlich sind es meist die Kitas oder Schulen, die Eltern vorgeben, Atemwegsinfekte beim Arzt abklären zu lassen, auch wenn sie meist harmlos sind. Teilweise wird auch vorgegeben, den Abstrich nicht zuhause zu machen, sondern beim Kinderarzt. Das führt natürlich in den Praxen zu mehr Besuchen, aber auch nicht in dem Ausmaß, dass wir mit Überlastung oder ähnlichem zu kämpfen haben.

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Was würden Sie Eltern raten, deren Kind aus der Kita oder Schule immer mal wieder einen Infekt mit nach Hause bringt?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass die Eltern selbst gegen das Coronavirus geimpft und geschützt sind. Dann würde ich raten, das Kind zunächst zu beobachten: Wie geht es ihm? Welche Symptome zeigt es? Bei Fieber, Schlappheit, Unwohlsein oder Durchfall sollte es zuhause bleiben. Ist das Umfeld gut geschützt, kann das Kind den Infekt in aller Ruhe und ganz normal auskurieren. Geht das Kind in eine Kita, Schule oder in eine Gemeinschaftseinrichtung würde ich zusätzlich raten, einen Schnelltest zu machen. Ist der negativ und hat das Kind sonst nur leichte, harmlose Symptome der Atemwege ohne Fieber oder Durchfall, darf es auch gerne in die Schule oder in die Kita.

Für betroffene Eltern ist das sicher nicht einfach. Die Lockdown-Zeit war gerade für Familien schwer. Und kaum haben die Kitas wieder auf, reiht sich Infekt an Infekt.

Wir Mediziner sehen diese harmlosen Infekte nicht als etwas Negatives, sondern als positiv für das Kind. Im ersten Kita-Jahr haben Kinder im Schnitt 10 bis 15 Infekte, die das Immunsystem schulen und die T-Zellen des Immunsystems in eine Richtung modulieren, die positiv ist und möglicherweise Allergien vorbeugen kann. Insofern sollten sich Eltern nicht grämen, wenn das Kind immer mal wieder krank ist, wenn es neu in die Kita oder zur Schule geht. Das ist ein normaler Prozess.

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