Gesundheit

Kompletter Lockdown? Das passiert, wenn die Briten-Mutation in Deutschland voll durchschlägt

Die Virus-Mutation aus Großbritannien breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. In Deutschland gab es bislang erst wenige Nachweise. Das könnte sich aber schon bald ändern – und verheerende Folgen für die Bundesrepublik haben.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die neue Sars-CoV-2-Variante namens B.1.1.7 in Großbritannien ausbreitet, ist beängstigend. Zuletzt wurden in dem knapp 67 Millionen Einwohner-Land täglich bis zu 60.000 neue Infektionen gemeldet. Die Zahl der Einweisungen von Covid-19-Patienten in Krankenhäuser ist höher als zum Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr.

In London stehen die Kliniken vor dem Kollaps. Einer von 30 Einwohnern der britischen Hauptstadt habe derzeit Covid-19, schrieb der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan auf Twitter. Die 7-Tage-Inzidenz liegt in der Metropole inzwischen bei mehr als 1000. Zum Vergleich: Die höchste Inzidenz Deutschlands weist aktuell der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen mit einem Wert von 600,8 Fällen pro 100.000 Einwohner auf (Stand: 13. Januar 2021).

Auch im benachbarten Irland haben sich die Fallzahlen zuletzt verzehnfacht. Dieser starke Anstieg wird ebenfalls zu großen Teilen der Mutation B.1.1.7 zugeschrieben.

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Virusmutationen aus Großbritannien auch in Deutschland nachgewiesen

Beinahe zeitgleich mit dem Bekanntwerden der britischen Virusmutation folgte eine weitere Entdeckung in Südafrika. Auch dort ist eine neue Mutation von Sars-CoV-2 aufgetaucht, die offenbar infektiöser ist als die bisher bekannte Variante. Beide Mutationen wurden inzwischen auch in weiteren Ländern nachgewiesen – auch in Deutschland.

Bislang ist die Rede von „vereinzelten Fällen“ der zunächst in Großbritannien entdeckten Mutation unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder Baden-Württemberg. In letzterem Bundesland wurde am Dienstag auch die Mutation aus Südafrika nachgewiesen, am Montag hatte bereits eine Stadt in Nordrhein-Westfalen einen ersten Fall gemeldet. Doch was passiert, wenn sich die offenbar hoch ansteckenden neuen Varianten hierzulande weiter ausbreiten?

Vorweg: Beide Varianten gelten zwar als potenziell ansteckender, jedoch geht man bislang davon aus, dass sie nicht zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Auch die bislang entwickelten Impfstoffe sollen gegen beide Mutationen wirksam sein. Allerdings sorgen die neuen Varianten dafür, dass die Infektionszahlen in den Ländern, in denen sie wüten, sehr rasch steigen. Das bereitet mehr und mehr Menschen Sorge.

Strengere Maßnahmen, mehr Impfungen: Das braucht Deutschland, wenn Mutationen sich ausbreiten

Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen erklärt es im Gespräch mit FOCUS Online so: „Die neuen Varianten aus Großbritannien oder Südafrika scheinen ansteckender zu sein als die bisherigen Virusstämme. Wenn eine davon sich bei uns breit macht, dann würde das höchstwahrscheinlich die Zahl der Infizierten deutlich erhöhen, mit allen bekannten Folgen. Zudem bräuchten wir eine höhere Durchimpfung der Bevölkerung, denn eine Herdenimmunität von 60 bis 70 Prozent würde nicht mehr ausreichen.“

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  • Ähnlich sieht es der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Er gibt im Gespräch mit FOCUS Online zu bedenken, dass Deutschland die Ausbreitung des Virus seit geraumer Zeit „nicht wirklich unter Kontrolle“ habe. Der Feiertagsverzug mache es zusätzlich schwer, die tatsächlichen Fallzahlen abzuschätzen. Nach den ersten Entdeckungen der Mutationen aus Großbritannien und Südafrika sei nun aber zu befürchten, „dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich diese weiter ausbreiten“.

    Stürmer plädiert in diesem Zusammenhang für eine Verschärfung der Maßnahmen, um die Ausbreitung der verschiedenen Virusvarianten zu verlangsamen: „Ein konsequenter Lockdown ist unabhängig von den Varianten notwendig. Im Kontext der Tatsache, dass sich die neuen Varianten effektiver verbreiten, wird es aber umso wichtiger, die beschlossenen Maßnahmen auch wirklich einheitlich umzusetzen und zu kontrollieren.“ Die neue Maßnahme in Bayern einer FFP2-Maskenpflicht in Geschäften und im ÖPNV könnte hier laut Stürmer eine zusätzliche effektive Variante sein, ebenso eine einheitliche Regelung für eine Maskenpflicht am Arbeitsplatz.

    Schwerer Krankheitsverlauf unwahrscheinlich, aber auch Drosten ist besorgt

    Auch Virologe Christian Drosten beobachtet die Mutation vor allem aus Großbritannien mit großer Skepsis, da „Viren so starke Erhöhungen ihrer Übertragungsfähigkeit normalerweise nicht wegen ein paar Mutationen in einer laufenden Epidemie“ machten, das sei eher „ein sehr bemerkenswerter Befund“. Er sei weiterhin nicht vollends überzeugt von der stärkeren Durchsetzungsfähigkeit des Virus, „aber die Daten kommen zusammen, und es ist wirklich erstaunlich.“

    Statt einem R-Faktor von 1 könnte die neue Mutation einen R-Faktor von 1,5 haben. Man dürfe laut Drosten nicht tatenlos zulassen, dass sie sich immer weiter ausbreitet. Statt entsetzt zuzusehen, wie sich die Intensivstationen weiter und weiter füllten, müsse man dann die Maßnahmen verschärfen. Im Podcast von NDR Info sagt er: „Wenn das so sein sollte, dass die Verhältnisse so 1,5 zu 1 sind, also von neuem Virus zu altem Virus, dann haben wir ein richtiges Problem. Dann können wir mit all den derzeitigen Diskussionen, welche Maßnahmen macht man, kann man Schulen offenhalten und so weiter, was kann man an Arbeitsstätten machen, über alle diese Dinge muss man leider neu nachdenken.“

    Die Reproduktionszahl (genauer Basisreproduktionszahl) beziffert, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Sie ist ein wichtiger Indikator dafür, wie schnell sich eine Epidemie ausbreitet. Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und Hygienevorschriften sollen die Reproduktionszahl senken.

    Immer mehr Politiker fordern Anpassung der Maßnahmen

    Auch viele Politiker sorgen sich wegen der Virusmutationen: FDP-Chef Christian Lindner kritisierte, dass es zu wenig Laboruntersuchungen auf neue Coronavirus-Varianten gebe. „Die geringe Datenbasis zur Verbreitung von Corona-Mutationen in Deutschland ist eine große Gefahr“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Die Bundesregierung habe die systematische Sequenzierung von Corona-Testproben, also die Untersuchung des Genoms der Viren, zu lange schleifen lassen: „Eine umfassende Sequenzierung muss schnell Teil der Anti-Corona-Strategie werden.“   
     
     

    Ebenfalls die Grünen fordern zusätzliche Maßnahmen. Parteichefin Annalena Baerbock sprach sich nach der Jahresauftaktklausur am Montag für eine Ausweitung des Homeoffice, für staatlich finanzierte FFP2-Masken sowie die Zulassung von Schnelltests zur Selbstanwendung aus. Es solle nicht bis zur nächsten Beratung der Länderregierungschefs am 25. Januar damit gewartet werden. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Zahlen nicht explodieren, dass die Krankenhäuser kollabieren.“ Überall wo es möglich ist, solle Homeoffice angeordnet werden. Zudem solle die Bevölkerung komplett mit FFP2-Masken ausgestattet werden.

    Zusätzlich dürfe bei den Impfungen kein Tag verloren gehen, sagte die Grünen-Chefin mit Blick auf den schleppenden Start der Impfkampagne. Die Menschen, denen die Impfung angeboten wird, sollten mit einem Terminangebot angeschrieben werden. Die Menschen sollten nicht länger in den Warteschleifen der Telefon-Hotlines hängenbleiben.

    Kanzlerin: „Aller-, allerhöchste Vorsicht geboten“ – Totaler Lockdown im Gespräch

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich ebenfalls zu den Mutationen zu Wort gemeldet. Im Rahmen einer Online-Konferenz der Union am Dienstag soll sie große Sorgen bezüglich ihrer Verbreitung geäußert haben. Die neuen Mutationen könnten in sehr kurzer Zeit „die Führerschaft gegenüber dem alten Virus“ übernehmen, dann wäre man wieder mitten im exponentiellen Wachstum der Infektionszahlen, sagte Merkel nach Angaben mehrerer Sitzungsteilnehmer. „Deshalb ist also aller-, allerhöchste Vorsicht geboten.“

    Wie FOCUS Online aus internen Kreisen erfuhr, soll im Robert-Koch-Institut bereits eine Verschärfung des Lockdowns im Gespräch sein. Spätestens im Februar könnte der Bundesrepublik der totale Lockdown drohen – dann nicht nur mit geschlossenen Geschäften, Kitas, Schulen und Kulturbetrieben, sondern auch mit ganztätigen Ausgangssperren und dem Verbot, haushaltfremde Personen überhaupt noch zu treffen. Das Verlassen der eigenen Wohnung könnte dann nur noch für Arztbesuche, den Einkauf oder in dringenden Fällen erlaubt sein.

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    Auch Amtsärzte in Sorge

    Die deutschen Amtsärzte blicken ebenfalls mit Sorge auf die Ausbreitung der neuen Virusmutationen. Die aktuelle Entwicklung der Corona-Pandemie in Deutschland mache aus ihrer Sicht eine Rückkehr zur Normalität ab Februar unwahrscheinlich. „Ich bin mir sehr unsicher, ob wir Ende des Monats zu einem Ende des Lockdown kommen können“, sagte die Vorsitzende des Berufsverbands der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

    „Es fragt sich, was passiert, wenn die hoch ansteckende Mutation nach Deutschland überspringt“, sagte Teichert. „Das könnte die Infektionslage enorm verschärfen und die Gesundheitsämter wieder in Schwierigkeiten bringen.“ Seit der Schließung von Schulen und Kitas habe sich die Situation der Gesundheitsämter wieder etwas entspannt, betonte Teichert.

    In jedem Fall könne es „Lockerungen nur schrittweise“ geben, „nicht auf einen Schlag“, sagte die Medizinerin weiter. „Im Moment sehen die Zahlen so aus, als könnte es bis Ende Januar schwer werden, auf eine Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zu kommen.“ Diese Marke einmalig zu erreichen, genüge zudem nicht. „Die Ansteckungszahlen müssen dauerhaft so niedrig bleiben.“  

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    Virus „außer Kontrolle“: London ruft Katastrophenfall aus

    London hat unterdessen bereits am 8. Januar den Notstand ausgerufen. Wegen der dramatischen Situation in den Krankenhäusern von London hat der Bürgermeister der britischen Hauptstadt vor einem Kollaps des Gesundheitssystems gewarnt. Angesichts des drastischen Anstiegs der Infektionen drohten in den Kliniken die Betten auszugehen, erklärte Sadiq Khan: „Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass wir innerhalb weniger Wochen keine Betten mehr für Patienten haben, wenn die Virusausbreitung nicht drastisch gebremst wird.“

    Er rief deshalb einen "major incident" aus – ein Großschadenereignis, das die öffentliche Sicherheit bedroht. Es handele sich um eine absolute Krisensituation, das Virus sei „außer Kontrolle“, sagte Khan. Er forderte unter anderem mehr finanzielle Unterstützung der britischen Regierung im Kampf gegen das Virus. „Wenn wir nicht sofort aktiv werden, wird unser Gesundheitssystem überfordert und noch mehr Menschen werden sterben.“

    Ende vergangener Woche hatten britische Medien ein internes Papier des öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS veröffentlicht, wonach bei einem Anhalten der jetzigen Entwicklung bereits am 19. Januar in London rund 1500 Krankenhaus-Betten fehlen könnten. Im schlimmsten Fall könnten es sogar 4400 fehlende Betten sein.

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