Gesundheit

Warum zeigte der Curevac-Impfstoff in der Studie so wenig Wirksamkeit?

Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, muss sich in Studien unter anderem zeigen, dass er wirksam ist. Doch nicht jeder Impfstoffkandidat schafft diese entscheidende Hürde.

Jüngstes Beispiel ist der Impfstoffkandidat der Tübinger Biopharmafirma Curevac: Am Mittwochabend räumte das Unternehmen in einer Pflichtbörsenmitteilung ein, dass CVnCoV laut einer Zwischenanalyse lediglich eine Wirksamkeit von 47 Prozent zeige. Die Angabe bezieht sich auf eine Corona-Erkrankung "jeglichen Schweregrades". Die Studie soll nun zunächst bis zur finalen Analyse weiterlaufen, teilte der Curevac-Vorstandschef Franz-Werner Haas und verwies darauf, dass sich die endgültige Wirksamkeit noch ändern könnte.

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Experten rechnen aber nicht mehr mit einer starken Zunahme der Wirksamkeit. "Schade, das Team aus Tübingen hätte Erfolg verdient gehabt", kommentierte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die Daten auf Twitter.

Vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind

Lange Zeit galt das Vakzin aus Tübingen als Hoffnungsträger im Kampf gegen Corona. Die Europäische Union hatte sich deshalb vorab bis zu 405 Millionen Dosen des Präparats gesichert. Zuletzt zeichnete sich aber immer deutlicher ab, dass sich eine mögliche Zulassung verzögern wird. Nun ist offen, ob es jemals dazu kommt. 

Der Impfstoffkandidat basiert wie die bereits zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna auf der sogenannten "messenger RNA"-Technologie (mRNA). Impfstoffe dieser Art enthalten den Bauplan für ein Virusprotein: das Spike-Protein, mit dem das Virus an menschliche Zellen dockt. In Zulassungsstudien zeigten die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna eine beachtliche Wirksamkeit von bis zu 95 Prozent. Warum konnte "CVnCoV" nicht an diese Erfolge anknüpfen?

„Kombination ungünstiger Umstände“

Nach Ansicht des Impfstoffexperten Leif Erik Sander von der Berliner Charité könnte das an einer "Kombination verschiedener ungünstiger Umstände" liegen.

Einer davon hängt mit dem Zeitpunkt der klinischen Studie und dem Auftauchen neuer Virusvarianten zusammen. Curevac startete erst im Dezember mit der entscheidenden Studienphase 2b/3, deutlich später als etwa Biontech und Moderna, die schon im November vielversprechende Ergebnisse vorzuweisen hatten. 

Die entscheidende Studienphase läuft damit seit einem halben Jahr. Zeitgleich breiteten sich neue Virusvarianten aus, die dem Immunschutz nach einer Impfung teilweise besser entgehen können als die Wildtyp-Variante. Auch in der offiziellen Curevac-Mitteilung ist unter anderem von einer "variantenbedingten Abhängigkeit der Wirksamkeit" die Rede. Mehr als die Hälfte der in der Studie aufgetretenen Fälle sei durch sogenannte besorgniserregende Varianten ("Variants of Concern") verursacht worden. In lediglich einem Fall sei das ursprüngliche Sars-CoV-2-Virus nachgewiesen worden.

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Auch den bereits zugelassenen Impfstoffen machen einige Virusvarianten, allen voran Delta, zu schaffen. Die zuerst in Indien nachgewiesene Variante reduziert den Immunschutz nach Impfung zwar, besonders stark ist der Effekt nach der Erstimpfung. Nach zwei Impfstoffdosen zeigen bisher zugelassene Impfstoffe aber eine weiterhin gute Wirksamkeit. 

Impfstoff ist nicht gleich Impfstoff

Eine weitere Hypothese für die geringere Wirksamkeit könnte nach Ansicht Sanders in bestimmten Bausteinen des Impfstoffs begründet liegen. Das Präparat von Curevac sei zwar auch ein mRNA-Impfstoff, der den Bauplan für das Spike-Protein enthalte, schreibt Sander auf Twitter. "Im Gegensatz zu Biontech & Moderna werden aber keine modifizierten Bausteine (wie Pseudouridin) für die Impfstoff-mRNA verwendet." Dies könne über mehrere Zwischenschritte möglicherweise dazu führen, dass der Körper weniger Antigene bilde. 

Auch nach Ansicht des Virenexperten Peter Kremsner ist es plausibel, dass bestimmte Impfstoff-Eigenschaften die geringe Wirksamkeit zur Folge hatten. Das Vakzin sei demnach nicht hoch genug dosiert gewesen. Das wiederum habe daran gelegen, dass die einzelnen Bestandteile nicht chemisch modifiziert worden seien, sagte der Leiter der Impfstoff-Studie dem SWR.

Eigentlich sei dies immer als Vorteil gepriesen worden, wahrscheinlich sei das jetzt der Hauptnachteil: "Das heißt, wir konnten nicht hoch genug dosieren wie das die anderen gemacht haben." Die anderen Impfstoffhersteller hätten 30 und 100 Mikrogramm verabreicht. "Mit der Curevac-Impfung konnten wir nur 12 Mikrogramm geben. Dann wurde es zu unverträglich, wenn man weiter höher dosiert hat."

In der Europäischen Union sind derzeit vier Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen: die beiden mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sowie die Vektor-Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson. Weil das Impfstoffangebot nach wie vor nicht den Bedarf decken kann und einige Anbieter mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen haben, ruhten auf dem Vakzin von Curevac große Hoffnungen. Diese haben sich nun allerdings vorerst zerschlagen.

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