Kinder Gesundheit

Thrombose nach Impfung oder wegen der Antibabypille

»Bei der Anwendung (…) ist Ihr Risiko für die Ausbildung eines Blutgerinnsels höher, als wenn Sie keines anwenden. In seltenen Fällen kann ein Blutgerinnsel Blutgefäße verstopfen und schwerwiegende Probleme verursachen.« Nein, dieser Satz bezieht sich nicht auf die Corona-Impfung von AstraZeneca. Er steht im Beipackzettel von Medikamenten, die in Deutschland sehr oft verschrieben und eingenommen werden: Antibabypillen.

Der Verdacht, dass die Impfung von AstraZeneca das Risiko einer seltenen, sehr gefährlichen Form eines Blutgerinnsels erhöhen könnte, hat den Blick auf ein altes Thema gelenkt: dass nämlich Antibabypillen das Risiko von Blutgerinnseln erhöhen, und dass einige neuere, später auf den Markt gekommene Pillen, in dieser Hinsicht gefährlicher sind als ältere Präparate.

Pille ist nicht gleich Pille, Gerinnsel nicht gleich Gerinnsel

Das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) berichtet von sechs Fällen, in denen geimpfte Frauen kurz darauf eine sogenannte Sinusvenenthrombose erlitten, bei der ein Gerinnsel eine große Hirnvene blockiert. Außerdem hatten alle diese Frauen einen Mangel an Blutplättchen. Ein weiterer Fall mit Hirnblutungen bei Mangel an Blutplättchen sei medizinisch sehr vergleichbar, dieser betraf einen Mann. Drei der Betroffenen sind gestorben.

In Deutschland wurden bisher rund 1,6 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs verabreicht. Man spricht also über wenige Fälle pro einer Million Menschen. Allerdings sind Sinusvenenthrombosen sehr selten. Laut PEI wäre statistisch zu erwarten gewesen, dass es nur einen solchen Fall in den 14 Tagen nach der Impfung gegeben hätte. Deshalb wird nun ein möglicher Zusammenhang mit der Impfung untersucht.

Das Risiko, wegen der Antibabypille ein Gerinnsel zu entwickeln, ist deutlich höher – allerdings sind nicht alle diese Ereignisse so gefährlich wie die Sinusvenenthrombose. Allein deshalb ist ein direkter Vergleich der Zahlen nicht sinnvoll. Und, mindestens ebenso wichtig: Während bei der Pille kein Zweifel besteht, dass die Präparate das Risiko eines Gerinnsels erhöhen, wird beim Impfstoff aktuell noch untersucht, ob eine Verbindung besteht. Bei der Pille liegt also ein bekannter ursächlicher Zusammenhang vor. Beim Impfstoff dagegen ist es zurzeit ein Verdacht.

Abgesehen davon macht es einen Unterschied, welche Pille jemand nimmt. Sogenannte Minipillen, die nur ein Gestagen enthalten, erhöhen das Gerinnsel-Risiko nicht.

Kombinationspräparate mit einem Östrogen und einem Gestagen steigern dagegen das Risiko venöser Thromboembolien, kurz VTE. Der Fachbegriff bedeutet: In einer Vene hat sich ein Blutgerinnsel gebildet, das mit dem Blutstrom in ein anderes Gefäß gelangt ist und dieses teilweise oder komplett verstopft. Verstopft das Gerinnsel große Adern in der Lunge, entsteht eine Lungenembolie, die tödlich enden kann. Im Herzen können Gerinnsel einen Infarkt verursachen, im Hirn einen Schlaganfall. Aber die VTE sind in den allermeisten Fällen weniger gefährlich als die oben beschriebene Sinusvenenthrombose, VTE enden lediglich »im Einzelfall« tödlich, schreibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm).

Eine Schwangerschaft erhöht das Thrombose-Risiko stärker, als es Pillen tun. Auf 10.000 Entbindungen kommen fünf bis zwölf Thromboembolien von Schwangeren sowie drei bis sieben Fälle innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Geburt.

Gerinnsel durch die Pille – die Zahlen im Vergleich

  • Betrachtet man Frauen, die nicht schwanger sind und nicht hormonell verhüten, entwickeln pro Jahr zwei von 10.000 eine VTE.

  • Verhüten Frauen mit einer Kombi-Pille, die entweder Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron enthalten, entwickeln pro Jahr fünf bis sieben von 10.000 eine VTE.

  • Nehmen Frauen eine Kombi-Pille mit Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon, entwickeln pro Jahr neun bis zwölf von 10.000 eine VTE.

  • Nehmen Frauen eine Kombi-Pille mit Etonogestrel oder Norelgestromin, entwickeln pro Jahr sechs bis zwölf von 10.000 eine VTE.

  • Bei der Einnahme von Kombi-Präparaten mit Dienogest und Ethinylestradiol entwickeln pro Jahr acht bis elf von 10.000 Frauen eine VTE.

(Quelle: Rote-Hand-Brief, Bfarm, 2014, 2018)

Alternativ lässt sich das Risiko auch so darstellen wie in einem Informationsblatt der Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin:

Wenn Frauen 20 Jahre ihres Lebens hormonell verhüten, dann

  • entwickelt eine von 54 Frauen eine schwere Thrombose, wenn die Frauen eine Kombi-Pille mit höherem Risiko nehmen,

  • entwickelt 1 von 83 Frauen eine Thrombose, die eine Kombi-Pille mit niedrigerem Risiko nehmen.

  • Wenn die Frauen in diesen 20 Jahren nicht hormonell verhüten, entwickelt 1 von 250 eine schwere Thrombose.

Wer die Pille einnimmt, sollte deshalb von der Ärztin oder dem Arzt über die Symptome aufgeklärt werden, die auf ein gefährliches Gerinnsel hindeuten.

Symptome, bei denen umgehend ein Arzt aufgesucht werden sollte:

Starke Schmerzen oder Schwellungen eines Beins, die begleitet sein können von Druckschmerz, Erwärmung oder Änderung der Hautfarbe des Beins, zum Beispiel aufkommende Blässe, Rot- oder Blaufärbung.

Plötzliche unerklärliche Atemlosigkeit / Atemnot oder schnelle Atmung; starke Schmerzen in der Brust, die bei tiefem Einatmen zunehmen können; plötzlicher Husten ohne offensichtliche Ursache, bei dem Blut ausgehustet werden kann.

Brustschmerz (meist plötzlich auftretend), aber manchmal auch nur Unwohlsein, Druck, Schweregefühl, vom Oberkörper in den Rücken, Kiefer, Hals und Arm ausstrahlende Beschwerden, zusammen mit einem Völlegefühl, Verdauungsstörungen oder Erstickungsgefühl, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen oder Schwindelgefühl.

Schwäche oder Taubheitsgefühl des Gesichtes, Arms oder Beins, die auf einer Körperseite besonders ausgeprägt ist; Sprach- oder Verständnisschwierigkeiten; plötzliche Verwirrtheit; plötzliche Sehstörungen oder Sehverlust; schwerere oder länger anhaltende Kopfschmerzen/ Migräne.

Diese Information für Anwenderinnen ist auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu finden. »Insbesondere bei der Erstverschreibung sollte die Checkliste verwendet, sowie die Patientinnenkarte den Anwenderinnen ausgehändigt werden«, schreibt das Bfarm.

Das Bfarm rät, insbesondere Erstanwenderinnen und Frauen unter 30 Jahren bevorzugt Pillen mit Levonorgestrel zu verschreiben.

Das Risiko ist vor allem im ersten Jahr der Pillen-Einnahme erhöht. Auch nach einer Pause von mindestens vier Wochen ist es wieder höher als in Folgejahren.

Wie viele Frauen gesundheitlichen Schaden nehmen, weil sie statt den älteren Pillen der sogenannten zweiten Generation auf neuere Präparate gesetzt haben, zeigten Daten aus Frankreich schon im Jahr 2015. Dort stellten innerhalb eines Jahres sehr viele Frauen ihre Verhütung von einer neuen Pille auf eine alte um, weil die neuen nicht mehr erstattet wurden.

»Zeitgleich mit diesen Umschichtungen sanken Klinikaufnahmen wegen Lungenembolie bei 15- bis 49-jährigen Frauen um 11,2 Prozent (341 Ereignisse weniger), bei 15- bis 19-jährigen sogar um 27,9 Prozent. Die Einweisungsraten von gleichaltrigen Männern und 50- bis 69-jährigen Frauen blieben währenddessen etwa gleich«, berichtete das »arznei-telegramm«. Die Fachzeitschrift selbst rechnete vor: In Deutschland hätten damals jährlich etwa 250 venöse Thromboemolien vermieden werden können, wenn Ärztinnen und Ärzte nur die älteren, sichereren Präparate verschrieben hätten.

Die Verschreibungspraxis hat sich auch in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert. Die Techniker Krankenkasse berichtete 2019, dass nur noch zwei Prozent der bei ihr versicherten Mädchen und Frauen zwischen 11 und 19 Jahren Pillen mit Drospirenon einnehmen. Im Jahr 2018 lag der Anteil der Drospirenon-Präparate bei 18 Prozent.

Der Berufsverband der Frauenärzte verteidigte die Präparate mit höherem VTE-Risiko immer wieder damit, dass die Pillen mit dem geringeren Risiko unter anderem Akne oder Zwischenblutungen auslösen könnten.

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