Persönliche Gesundheit

Coronaimpfung für 12

6. Mai 2021: Bund und Länder vereinbaren, den 12- bis 18-Jährigen in Deutschland bis Ende August ein Impfangebot mit dem Mittel von Biontech/Pfizer zu machen. Gesundheitsminister Jens Spahn bekräftigte die Entscheidung später noch einmal als richtig.

27. Mai: Auf der Ministerpräsidentenkonferenz wird festgehalten: Ab dem 7. Juni sind Kinder über zwölf Jahren beim Impfen allen anderen Menschen gleichgestellt.

Erst Ende August, dann Anfang Juni. Der Politik kann es nicht schnell genug gehen: Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren sollen zügig geimpft werden, wenn sie und ihre Eltern das wollen.

Die Eile Spahns ist nachvollziehbar: Die Mehrheit der Eltern will ihre Kinder gegen Covid-19 impfen lassen. Und, wie bei erwachsenen Impfwilligen auch, am liebsten gestern. Für Familien hielt und hält die Pandemie viele Härten bereit. Für Kinder und Jugendliche hat die Politik eindeutig zu wenig getan in der Coronakrise.






Jetzt wollen Politiker wie Gesundheitsminister Spahn offensichtlich einen einfachen Sieg einfahren, ein »wir kümmern uns doch«, indem sie bei den Impfungen vorpreschen. Impfen in den Sommerferien, damit der Schulbesuch danach sicherer wird.

Die Ständige Impfkommission (Stiko), als unabhängiges Expertengremium zuständig für Impfempfehlungen in Deutschland, hat noch gar keine Stellung genommen. Wenn kümmert noch so ein Detail? Spahn offenbar nicht.

Schon jetzt ist klar: Egal, was die Stiko empfehlen wird, Kindern ab 12 Jahren wird die Impfung ab dem 7. Juni angeboten. Zumal die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema am Freitag die Zulassung für Biontech/Pfizer als Impfstoff ab zwölf Jahren erteilt hat. Eine Zulassung ist aber noch lange keine Empfehlung.

Das Für und Wider abwägen ist schwierig

Es stellt sich daher die Frage, warum wir uns ein unabhängiges Gremium von Expertinnen und Experten leisten, das nach wissenschaftlichen Kriterien Nutzen und Risiken von Impfungen abwägt und Empfehlungen ausspricht, wenn wir offenbar nicht mehr auf dessen Rat hören wollen. Fragen wir künftig bei Risiken und Nebenwirkungen nicht mehr Arzt oder Apothekerin, sondern Bürgermeister oder Ministerin?

Es ist eine Sache, wenn Eltern nach mehr als einem Jahr Pandemie für sich und ihre Kinder die Entscheidung zur Coronaimpfung treffen, ohne sich um die Stiko zu kümmern. Aber eine andere, wenn die Politik die Stiko in ihren Überlegungen übergeht. Ersteres ist eine persönliche Wahl, die man akzeptieren muss. Letzteres trägt dazu bei, das Vertrauen in wissenschaftliche Arbeit zu untergraben.

Natürlich kann man sich mit Stiko-Empfehlungen kritisch auseinandersetzen – die Empfehlung quasi vorwegzunehmen, ist aber etwas anderes.

Das Für und Wider der Impfung für Kinder und Jugendliche abzuwägen, ist schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Kinder nur zu impfen, damit die Gesellschaft die Herdenimmunität erreicht, ist kein Argument: Die Impfung muss für das Kind selbst mehr möglichen Nutzen als potenziellen Schaden bringen.

Kinder erkranken deutlich seltener schwer bei einer Coronainfektion als Erwachsene, aber das Virus kann auch ihnen gefährlich werden. Schätzungen von Fachleuten zufolge entwickelt etwa eins von 1000 infizierten Kindern ein »Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome«, kurz: Pims, das oft im Krankenhaus behandelt werden muss. Wie oft Kinder Long Covid entwickeln, ist noch unklar.


Das heißt nicht, dass man ihnen die Impfung vorenthalten sollte. Aber man muss die Risiken anders abwägen als bei Erwachsenen, insbesondere älteren Erwachsenen, für die eine Coronainfektion um ein Vielfaches gefährlicher ist.

Familienpolitik kann so einfach sein

12- bis 16-Jährige jetzt hastig zu impfen, wiegt das Politikversagen der vergangenen Monate nicht auf. Aber natürlich hofft die im Wahlkampf angekommene Politik, damit Stimmen von Eltern und Großeltern zu gewinnen. Schaut mal, wir tun doch was für die Kinder! Digitalisierung in den Schulen, bessere Luftfilter: War uns alles zu teuer und zu aufwendig. Aber eine Impfung pushen, ehe sie vom zuständigen, unabhängigen Expertengremium bewertet wurde: Check, erledigt! Familienpolitik kann so einfach sein.

Die Stiko wurde so in eine vertrackte Lage gebracht. Mitglieder haben schon vorsichtig angekündigt, dass das Gremium eventuell keine generelle Empfehlung für die Impfung von 12- bis 16-Jährigen aussprechen könnte, sondern lediglich für vorerkrankte Kinder. Aber wer will das hören, wenn die Politik schon versprochen hat, dass die Kinder und Jugendlichen jetzt endlich geimpft werden können?

Spricht die Stiko nur eine eingeschränkte Empfehlung für die Impfung aus, werden dem Impfen gegenüber Aufgeschlossene dem Gremium unnötiges Zaudern vorwerfen (»In den USA werden Kinder schon geimpft!«), Kinderfeindlichkeit (»Das machen die doch nur, weil der Impfstoff für Erwachsene noch knapp ist!«) und allgemeine Unfähigkeit (»Bei AstraZeneca hießt es doch auch erst, nur für Ältere, dann für alle, dann für Jüngere«). Empfiehlt das Gremium die Impfung uneingeschränkt für alle ab 12, können alle, die bei der Impfung eher skeptisch sind, sagen: Ja klar, die Stiko macht, was die Politik befiehlt.

Auf der Strecke bleibt also die differenzierte, wissenschaftliche Auseinandersetzung zu den Chancen und Risiken der Coronaimpfung für Kinder und Jugendliche. Dabei ist gerade die so wichtig wie eh und je. Wem Kinder am Herzen liegen, der sollte bei einer Impfung nicht auf Politikerinnen und Politiker im Wahlkampfmodus hören – sondern sich an den wissenschaftlichen Fakten orientieren.

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