Persönliche Gesundheit

Mit LSD fühle ich mich endlich total normal: Gefährlicher Trend Microdosing

Psychedelische Substanzen spielen nicht nur als Hirndoping eine Rolle. Immer mehr Menschen bekämpfen mit Mini-Dosen LSD Depressionen und Stimmungsschwankungen. Forscher versuchen zu ergründen, inwieweit sich die verbotene Droge als legales Medikament eignen könnte.

Anmerkung der Redaktion: Der folgende Artikel wurde ursprünglich im Jahr 2018 veröffentlicht. Angesichts der weiterhin top-aktuellen Thematik haben wir uns entschieden, diesen nun erneut zu spielen.

Ayelet Waldman ist eine dieser Frauen, die scheinbar alles können. Sie studierte zusammen mit dem späteren und jetzt Ex-US-Präsidenten Barack Obama Jura, baute sich eine Karriere als Juristin auf, bekam vier Kinder und wurde Bestsellerautorin. Was nur ihre Familie mitbekam: Sie kämpfte jahrzehntelang mit extremen Stimmungsschwankungen.

"Ich litt. Und, schlimmer noch, die Menschen um mich herum litten auch. Ich habe oft an Selbstmord gedacht. Ich stand am Badezimmerschrank und habe Pillen gezählt und überlegt, wie viele ich nehmen müsste, um mich umzubringen", erzählte Ayelet Waldman dem Sender BBC. In ihrem Buch "Ein richtig guter Tag: Wie Microdosing meine Stimmung, meine Ehe und mein Leben rettete" beschreibt sie, wie sie ihre Depression eigenhändig therapierte. Mit LSD. "Mit LSD fühle ich mich endlich total normal."

Das steckt hinter Microdosing

Microdosing ist eine Art Hirndoping mit psychedelischen Drogen. Seinen Ursprung hat es in den USA. Im Silicon Valley schlucken Programmierer, Grafiker und Manager die winzigen Mengen an Halluzinogenen, um besser, schneller und mehr arbeiten zu können. Ein Trend, der längst nach Europa geschwappt ist. Microdoser und vereinzelt auch Psilocybin, den Wirkstoff der Magic Mushrooms. Beide Substanzen verändern die Wahrnehmung, das Denken und das Bewusstsein.

Die Anwender glauben, dass LSD in Gaben von zehn bis 20 Mikrogramm ungefährlich ist. Bei einem herkömmlichen Trip nehmen Konsumenten das Zehnfache ein. Angeblich bleiben bei kleinen Dosen Halluzinationen oder Verzerrungen von Raum und Zeit aus. Dafür sollen Konzentration und Kreativität steigen.

Kontroverse um die Risiken der Substanz

Immer mehr Menschen nutzen die Droge aber auch, um ihre Stimmungsschwankungen zu beherrschen. In Foren tauschen sie sich aus und berufen sich dabei auf den amerikanischen Psychologen James Fadiman. Er hat mit "The Psychedelic Explorer's Guide" eine Art Anleitung zum Umgang mit LSD verfasst, dem die Microdosing-Community folgt. Er empfiehlt nach jedem Mini-Trip zwei Tage Pause, damit das Gehirn keine Toleranz entwickle.

Doch welche Risiken birgt Microdosing? "Von einem Risiko ist auszugehen, solange nicht nachgewiesen ist, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Sie können auch bei Niedrigdosen auftreten", warnt Tomislav Majic, Oberarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité, im FOCUS. LSD kann Psychosen, anhaltende Wahrnehmungsstörungen und Flashbacks auslösen. Auf keinen Fall sollten Betroffene auf eigene Faust experimentieren.

In der Schweiz forschen Mediziner, Neurologen und Psychologen ganz offiziell, inwiefern LSD zur Behandlung von Depression herangezogen werden kann. Damit gehören die Schweizer zu den Vorreitern auf dem Gebiet.

An psychedelischen Substanzen wird geforscht

Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenenpsychiatrie und Ordinaria der Universität Basel, ist eine der Wissenschaftlerinnen, die sich mit der Thematik beschäftigt. Im Gespräch mit FOCUS Online erklärt sie, dass gerade in der schnell einsetzenden Wirkung das Potenzial von LSD liege. 80 Prozent der Patienten würden schon heute erfolgreich mit Psychopharmaka behandelt, doch die zehn bis 14 Tage, bis die herkömmlichen Präparate, die bei der Depressionsbehandlung zum Einsatz kommen, ihren gewünschten Effekt haben, sind der Medizinerin zu lang. "Depressionen kosten den Menschen, die darunter leiden, sehr viel Lebenszeit."

Die WHO prognostiziert dass – wenn man alle medizinischen Erkrankungen betrachtet – Depressionen bis 2030 am meisten Lebenszeit kosten werden. Alleine in der EU verschlingt die Krankheit 75 Milliarden Euro pro Jahr.

LSD reduziert Angst und steigert das Einfühlungsvermögen

LSD wirkt Angst reduzierend und erzeugt Glücksgefühle. "Dadurch verändert sich die soziale Wahrnehmung. Bei Gesunden konnten wir zeigen, dass die Substanz dazu führt, dass Menschen mehr Nähe und Vertrauen zu anderen empfinden, die Empathie und das Einfühlungsvermögen gesteigert werden und dass zum Beispiel traurige und ängstliche Gesichter nicht mehr so eindrücklich erinnert werden", erklärt Undine Lang.

Gerade die Fähigkeit, soziale Kontakte aufzunehmen und Freundschaften zu schließen sind ein ganz wichtiger Faktor für die Widerstandskraft gegen psychische Erkrankungen. Fachleute sprechen hier von "Resilienz".

Das Gefühl, sozialen Support zu haben, stärke die Menschen gerade in Krisenzeiten. "Wenn die Empathiefähigkeit, also das Vermögen, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, verbessert werden kann, entstehen Momente des Interesses, der Zufriedenheit, der Freude und das Gefühl, dass das Leben einen Sinn macht", so die Psychiaterin. Auch andere Substanzen, die die Empathiefähigkeit verbessern, konnten bei Depressionen Erfolge zeigen.

Patientenstudie: LSD im Zusammenspiel mit Psychotherapie

"Durch LSD können wir die Psychotherapie wirksamer machen oder in manchen Fällen erst ermöglichen", sagt Undine Lang. Der Schlüssel sei das positiv beeinflusste Einfühlungsvermögen: "Wenn wir die Wirkung der Psychotherapie durch kleine Mengen von LSD potenzieren können, weil sich Betroffene dadurch ihren Therapeuten besser öffnen können, dann verbessern wir beide Optionen der Therapie: die medikamentöse und die psychotherapeutische."

In welcher Form LSD verabreicht werden könnte, wissen auch die Schweizer noch nicht. Außerhalb der Kliniken schneiden sich Microdoser ein kleines Stück von einem LSD Blättchen ab oder messen mit Tropfen ab.

Auch die Partydroge Ketamin wird zur Behandlung eingesetzt

Dass illegale Substanzen ihren Weg in die Legalität finden, hat die Partydroge Ketamin gezeigt. "Das ist in diesem Zusammenhang eine kleine Erfolgstory", sagt Undine Lang. Es ist eine weitere Substanz, die bei Depressionen bereits innerhalb weniger Minuten wirken kann.

Bei Kemanin waren die Vorbehalte wegen der Gefahr der Abhängigkeit oder psychedelischer Nebenwirkungen groß. Jetzt werde die ehemals als gefährlich und unkalkulierbar eingeschätzte Partydroge in vielen Kliniken regelmäßig und erfolgreich eingesetzt. "Allerdings muss sie noch intravenös verabreicht werden. Bald schon könnte aber Ketamin gut dosierbar als Nasenspray die Depressionsbehandlung revolutionieren."

"LSD sprengt das Korsett der Depression"

Undine Lang ist optimistisch, was LSD im Bereich der Behandlung von Depressionen bewirken kann. "Es erzeugt sofort eine Befreiung von negativen Gefühlen, es sprengt sozusagen das Korsett der Depression und langfristig wirkt es über die Potenzierung der Psychotherapieeffekte."

Welches die niedrigste Dosierung ist, die einen wirksamen Effekt bringen könnte, können auch die Forscher derzeit nicht sagen. "Ich kann nur sagen, dass wir in der Psychiatrie bei einigen älteren Präparaten, die bereits über Jahrzehnte eingesetzt wurden, wie etwa Haloperidol oder Lithium mit der Zeit gelernt haben, dass wirksame Dosierungen oft viel niedriger sein können als wir es ursprünglich vermutet haben."

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